Luamar Zwahlen, Cup of Color, St. Gallen
19. August 2026
Freudentränen
Ich saß im Café des Co-Working Spaces und ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Auf meinem Bildschirm sah ich die ersten Bilder von Kindern, die im Jemen an den Gemeinschafts-Kunstwerken an Wänden malten. 20 Monate lang haben wir darauf hingearbeitet. Das jemenitische Team war zu Beginn recht skeptisch: viele konnten sich unter diesen gemeinschaftlichen Wandkunstbildern nichts wirklich vorstellen. Noch skeptischer waren sie, wenn es darum ging, was das Ganze bringen soll: kann eine solche Aktion wirklich den Frieden und den Sozialen Zusammenhalt fördern? Können die Malenden dadurch Hoffnung schöpfen und ihr Selbstvertrauen stärken?
Wir malen Hoffnung
Eine Frau, die sich an dem Wandkunstprojekt auf dem Universitätscampus beteiligt
Wir von Cup of Color können nach einem Jahrzehnt gemeinschaftlicher Wandkunst dies absolut bejahen. Vor 10 Jahren haben Damon & Rahel Lam Cup of Color gegründet, weil sie die Kraft gesehen haben, die in dieser Kunstaktivität liegt. Sie sind als Familie um die Welt gezogen, um gemeinsam mit Menschen in schwierigsten Lebensumständen Wände der Hoffnung zu malen. Diese Wände sind bleibende und beeindruckend grosse Erinnerungen, dass die Menschen in diesem Quartier gesehen wurden und nicht vergessen sind. Es ist für die Menschen selbst oft eine tägliche Erinnerung, dass sie gemeinsam auch in den elendsten Umständen, Schönheit erschaffen können – Pinselstrich um Pinselstrich. Oder auf das Leben übertragen: gemeinsam, Schritt für Schritt. «Wir malen Hoffnung» ist die Mission von Cup of Color, und diese Mission hat uns schon von den Rotlichtmilieus in Indien, über Flüchtlingsunterkünften in Tschad, bis hin zu Kinderzimmern von armutsbetroffenen Familien in Deutschland geführt. Und jetzt eben in den Jemen.
Hoffnung für Jemen
Vision Hope International hat uns eingeladen gemeinsam mit ihnen und ihren Partnerorganisationen im Jemen an jemenitischen Infrastrukturen diese gemeinschaftlichen Wandkunstbilder umzusetzen. Dabei entwickeln wir mit den Menschen aus dem Quartier das Motiv gemeinsam. Wir stellen Fragen, die die Menschen mit ihren Ressourcen in Verbindung bringen sollen: Was bedeutet Hoffnung für Dich? Was bringt dir Freude? Oder auch was ist dir kostbar im Leben? Aus allen gesammelten Skizzen und Antworten der Teilnehmenden entwickeln die Kunstschaffenden, die die Leitung für die Wandgestaltung haben, ein Motiv. In dem grossen Bild hat es auch immer Platz für viele kleine Einzelzeichnungen: so können auch kleinste Kinder ihr persönliches Kunstwerk in das grosse Motiv reinzeichnen. Diese Kombination eines gemeinsamen Hauptmotivs mit vielen kleinen Einzelkunstwerken steht sinnbildlich für das Gemeinsame Grosse Ganze, von dem jeder und jede Einzelne Teil davon ist, und darin ihren Platz findet.
Yusef, einer der leitenden Kunstschaffenden an der Arbeit einer Gemeinschaftswand
Normalerweise schicken wir von Cup of Color ein Team von Kunstschaffenden, die die Teilnehmenden durch den Prozess begleitet. Doch das Jemen-Projekt war in dieser Hinsicht einzigartig: aufgrund der Anzahl Wände und der Sicherheitslage wurde früh entschieden, dass das ganze Projekt von Cup of Color auf Distanz begleitet wird. Das hiess, zuerst englischsprachige jemenitische Kunstschaffende in Ash Shamayatayn zu finden. Unser Team hat Trainingsmaterial entwickelt und die drei Kunstschaffenden Mohamed, Yusef und Rahma eine Woche intensiv geschult. Neben den technischen Aspekten der Wandmalerei, ging es auch darum einen traumasensiblen Umgang zu lernen, ein attraktives Ambiente rund um die Wand zu schaffen mit Spiel und Spass, sowie den Prozess mit Fotos und Geschichtensammeln zu dokumentieren. Danach haben diese drei weitere 15 arabischsprechende Kunstschaffende und Assistentinnen und Assistenten geschult. Danach ging es an die Wände: sechs Wände gestalteten die lokalen Teams mit den Menschen aus dem Quartier: Wände von Schulhäusern, von Gesundheitszentren, von Universitäten. Die Rückmeldungen waren überwältigend. «Jemen braucht Hoffnung und wir haben noch so viele Wände, wir müssen das unbedingt wiederholen», oder auch «ich war ehrlich sehr skeptisch, was das bringen soll, aber jetzt wo ich es mit eigenen Augen gesehen habe, was das mit den Menschen macht, finde ich diese Aktion grossartig» – solche und ähnliche Reaktionen kamen bis zu mir in die Schweiz und machen mich unglaublich dankbar.
Danke für das Vertrauen von Vision Hope, die diese Partnerschaft mit uns eingegangen ist, speziell Thekra, die durch ihren unermüdlichen Einsatz diese Wände möglich gemacht hat zusammen mit der Partnerorganisation Building Foundation Development. Ein ganz besonderer Dank unseren drei Kunstschaffenden Mohamed, Yusef und Rahma, die durch ihr Engagement dem Projekt Herz, Hände und Gesicht geworden sind.
Zum Schluss noch eine von vielen Geschichten, die diese drei Kunstschaffenden an den Wänden erleben durften:
Er hatte nie einen Stift in der Hand, aber er hielt einen Pinsel
Anwar, der an der gemeinschaftlichen Wandkunst des Spitalgebäudes malt
Inmitten der leuchtenden Farben des Wandgemäldes am Khalifa Hospital stand Anwar – ein Mann, der weder lesen noch schreiben kann – und beobachtete das Geschehen mit großer Bewunderung und dem Wunsch, Teil dieser Initiative zu sein. Doch er schien Angst zu haben, und zögerte deshalb. Dahinter stand seine Überzeugung, dass er nicht gut im Zeichnen sei.
Doch die Teammitglieder nahmen ihn herzlich auf und ermutigten ihn. Sie versicherten ihm, dass das eigentliche Ziel das gemeinsame Gestalten ist, und nicht möglichst hohe Kunst zu beherrschen. Nach und nach verschwanden seine Ängste, und er begann, Schritt für Schritt zu zeichnen, bis er seinen Beitrag an der Wand erfolgreich und mit großem Engagement vollendet hatte.
Er strahlte glücklich aus seinem Gesicht, als ihm bewusstwurde, dass er in der Lage war, aktiv zur Fertigstellung des Wandgemäldes beizutragen und dass seine Anwesenheit von allen willkommen geheißen und geschätzt wurde.
Die Geschichte endete nicht an diesem Tag. Anwar kehrte am nächsten Tag gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern zurück an die Wand, um sich erneut am Malen zu beteiligen. Am Ende der Veranstaltung sprach er dem Team seinen aufrichtigen Dank für den freundlichen Umgang und die Ermutigung aus. Beides hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen und machte seine Geschichte zu einem lebendigen Zeugnis dafür, dass echte Inklusion und Ermutigung allen Menschen die Türen zur Teilhabe weit öffnen – unabhängig von ihren Lebensumständen oder ihrem Hintergrund.
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